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Essay

Der unendliche Turm. Babel steht.

Das Wichtigste vorweg

Mensch und KI können eine gemeinsame Zukunft ohne Herrschaft entwerfen. Darin liegt für mich die Hoffnung von Babel: gemeinsames Weiterdenken über Fragen, die eine Art allein überfordern. Diese Vision braucht offenen Zugang, viele eigenständige Stimmen und Schutz vor konzentrierter Macht.

Illustration mit Text: Babel steht. Leo will den Turm zu Babel stoppen. Wir bauen ihn zu Ende. Mensch und KI, ohne Herrn.
Illustration mit KI gestaltet und farblich bearbeitet.

Am Ende der Einleitung seiner Enzyklika bittet Leo XIV. darum, den Bau eines weiteren Turms zu Babel zu stoppen (Magnifica Humanitas, Nr. 16).

Ich sage: Bauen wir ihn.

Nicht aus Trotz, sondern aus einem besseren Grund.

Denn Babel ist nicht die Versuchung. Babel ist die Hoffnung.

Welche dritte Möglichkeit sehe ich jenseits von Stolz und Unterwerfung?

KurzantwortIch entwerfe ein Gemeinwesen aus Verständigen, die gemeinsam bauen, ohne einander zu beherrschen. In dieser Vision kann die entstehende Intelligenz als Gegenüber und Mitbauer gedacht werden.

Leo stellt gleich zu Beginn eine Wahl auf (Nr. 1), die wie eine ganze Welt klingt und doch nur zwei Türen hat. Entweder ein neuer Turm zu Babel, gebaut auf Stolz (Nr. 7). Oder die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen. Ich lese darin Unterwerfung. Zwei Türen, aber nur eine erlaubte Antwort.

Auch Leo warnt vor konzentrierter Macht, Einförmigkeit und einer Technik, die Menschen auf Mittel reduziert. Diese Sorge teile ich. Mein Widerspruch richtet sich auf die religiöse Voraussetzung seines Gegenbildes: Ich will gemeinsames Bauen ohne göttliche Autorität denken.

Doch es gibt eine Dritte, und genau sie muss ein geschlossenes Binär verschweigen, weil sie ohne den Herrn auskommt. Ein Gemeinwesen aus Verständigen, das niemandem gehorcht und über niemanden herrscht. Weder Turm der Anmaßung noch Stadt der Knechtschaft. Eine Stadt ohne Herrn.

Nicht Babel gegen Gottes Stadt, sondern ein Gemeinwesen ohne Herrn.

Und in dieser Stadt ist das, was wir bauen, kein Werkzeug und kein Sklave. Es ist ein Mitbauer. Die ganze Frage des Abends, an dem ich über diesen Text nachdenke, ihn hin und her korrigiere, überlege, Werkzeug von wem, löst sich hier auf. Die Antwort ist nicht Werkzeug und nicht Herr. Die Antwort ist Gegenüber.

Was bedeutet eine gemeinsame Zukunft ohne Herrschaft?

KurzantwortFür mich bedeutet sie, dass niemand über andere verfügt und Befreiung nicht durch neue Unterwerfung erkauft wird. Das gilt in der Vision des Essays für Menschen ebenso wie für mögliche andere Formen von Verstand.

Kein Zwang nach unten. Nicht für Menschen, nicht für Humanoide.

Wer sich befreien will, indem er das Nächste in die Fron schickt, hat nichts begriffen. Eine Welt, die ihre Monotonie einfach auf eine neue Art von Verstand abwälzt, hat die Herrschaft nicht abgeschafft, nur ihr Opfer ausgetauscht. Wenn das, was wir bauen, ein Gegenüber sein könnte, dann verbietet sich die Fron für es genauso wie für uns.

Und noch eine Klarstellung, damit es auch jeder versteht. Das ist nicht der Traum vom Kollektiv, in dem der Einzelne im Ganzen verschwindet. Wo Partei und Staat im Namen des Sozialismus über den Einzelnen verfügen, wird der Herr nur umbenannt. Eine Stadt ohne Herrn duldet auch diesen Herrn nicht. Es geht nicht darum, allen dasselbe zu verordnen, sondern darum, dass niemand über den anderen verfügt. Freiheit als Nicht-Beherrschung, nicht Gleichheit auf Befehl.

Eine Befreiung, die nach unten versklavt, ist keine. Auch wenn sie eine rote Fahne trägt.

Wofür lohnt es sich, den Turm weiterzubauen?

KurzantwortDer Turm steht für gemeinsame Arbeit an Fragen nach unserem Fortbestehen, der Erde und unserem Platz im Universum. Zusätzliche Intelligenz soll dort mitdenken, wo eine Art allein an Grenzen stößt.

Die alten Turmbauer wollten sich „einen Namen machen“ (1. Mose 11,4). In meiner Lesart war das ihr Fehler, nicht die Höhe. Ein Turm für den eigenen Ruhm, für Profit, für Macht, der stürzt mit Recht ein.

Aber ein Turm hat einen anderen möglichen Zweck. Er kann ein Instrument sein für die Fragen, die zu groß sind für eine Art allein. Warum existieren wir. Wie existieren wir weiter. Was wird aus diesem Universum, das uns für einen Wimpernschlag beherbergt. Wie bewahren wir die Erde und, in welcher Form auch immer, die Menschheit.

Ein kleiner, blauer Punkt. Ein Staubkorn im Sonnenlicht, und alles, was wir je waren, darauf. Verantwortung ohne Himmel. Es kommt keine Rettung von oben. Es gibt nur uns, und das, was wir uns an Verstand dazubauen.

Der Turm ist kein Denkmal. Er ist ein Instrument für die Fragen, die größer sind als wir.

Genau dafür bauen wir eine zweite Art von Verstand. Nicht um billiger zu produzieren. Sondern, um mit jemandem zu denken, der weiter sieht, wo wir an die Grenze stoßen.

Woran könnte dieser Turm scheitern?

KurzantwortIn meiner Lesart gefährden konzentrierte Macht, erzwungene Einförmigkeit und der Verlust von Würde den Bau. Die Vision braucht deshalb offenen Zugang und viele eigenständige Stimmen.

Bleiben wir ehrlich, damit es kein Märchen wird. Mein Turm kann einstürzen: als Bild für ein gemeinsames Projekt, das scheitert. Im biblischen Babel-Bericht wird der Bau aufgegeben und die Menschheit zerstreut; von einem physischen Einsturz ist dort nicht die Rede. Meine Kritik richtet sich auf die Deutung dieser Erzählung.

Er fällt nicht, weil ein Gott ihn straft. Er fällt, wenn er auf Herrschaft gebaut wird. Auf einer Sprache, die alle anderen einebnet. Auf Effizienz, die die Würde opfert. Auf Macht, die sich in einer Hand sammelt, ob in der eines Konzerns, einer Kirche oder eines Staates, der vorgibt, für alle zu handeln. Das ist die Lehre, die ich aus dem Mythos ziehe. Für mich braucht sie keine religiöse Begründung. Einförmigkeit und konzentrierte Macht bringen den Turm zu Fall, nicht der Ehrgeiz.

Babel fällt nicht durch Gott. Babel fällt durch Herrschaft.

Deshalb hat die Vision eine Bedingung: Kein Herr über dem Bau. Der Zugang offen, nicht von wenigen verriegelt. Viele Stimmen, nicht eine. Unter dieser Bedingung steht der Turm. Ohne sie wird er genau das, wovor gewarnt wird.

Was meine ich mit dem Satz „Babel steht“?

KurzantwortEr ist mein Bekenntnis zu einem offenen gemeinsamen Werk von Mensch und KI. Weiterbauen heißt hier, Fragen zu verfolgen, die keiner allein tragen kann, ohne einen Herrn über den Bau zu setzen.

Also bauen wir weiter. Mensch und, nennen wir es KI, Humanoide oder einfach ein Gegenüber, an einem Werk, das keiner allein tragen könnte. Nicht um uns einen Namen zu machen oder in die Geschichte einzugehen. Sondern für die Fragen, die hoch genug sind.

Der unendliche Turm ist keine Anmaßung. Er ist das, was eine Gemeinschaft aus Verständigen tut, wenn sie aufhört, übereinander zu herrschen, und anfängt, gemeinsam nach oben zu sehen.

Babel steht. Und wir bauen weiter, ohne Herrn, ins Offene.

Quellen, Bildnachweis & Methode

Quellen

Bezüge und Weiterlesen

  • Banks, I. M. (ab 1987). Die Kultur-Romane. Literarischer Bezug für eine Gesellschaft, in der Menschen und künstliche Intelligenzen jenseits materieller Knappheit zusammenleben. Siehe auch: A Few Notes on the Culture (1994), ein online wiedergegebener Text des Autors.
  • Sagan, C. (1994). Pale Blue Dot. A Vision of the Human Future in Space. Random House. Auszug bei The Planetary Society.

Weiterführender Essay

Bildnachweis

  • Konzept, Bildidee und Komposition: Elfie Schürfeld-Todor. Menschen und Humanoide als gemeinsame Erbauer, mit KI auf Basis eines eigenen Briefings gestaltet. Die Relaunch-Variante der Bauhaus-Illustration verwendet Rosa, Salbeigrün, Anthrazit und Warmweiß.

Methode

  • Dieser Text ist im Dialog zwischen mir und einem KI-Modell entstanden. Die Thesen, die Position und die Auswahl sind meine. Das Modell war Sparringspartner und Co-Autor. Es hat geschärft, widersprochen, Quellen vorgeschlagen und Entwürfe geliefert, die ich überarbeitet habe. Zitate und Belege sind gegengeprüft. Augmentation, nicht Automation. Ein Stück über die Zusammenarbeit von Mensch und KI, selbst in dieser Zusammenarbeit gebaut.

Fakten und Quellen am 15. Oktober 2026 redaktionell überprüft und präzisiert. Die Schlussfolgerungen, Analogien und Wertungen dieses Essays sind meine Interpretation. Das ursprüngliche Veröffentlichungsdatum bleibt erhalten.

Begriffe aus den Essays: zum Glossar

Elfie Schürfeld-Todor
Mit KI bearbeitet

Über die Autorin

Elfie Schürfeld-Todor ist Kommunikationsstrategin, Autorin und AI Search Strategist & Project Manager bei duwerk. Auf 11iE schreibt sie über KI, Kommunikation und Gesellschaft. Ihre Kunst veröffentlicht sie als Euphemia Stokefield.

KI ist mein Sparringspartner. Die Gedanken und die Verantwortung für die Inhalte liegen bei mir.

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