Essay
Der Mensch als Entität
Das Wichtigste vorweg
Damit KI meine Entwicklung nachvollziehen kann, muss ich den Zusammenhang zwischen den Kapiteln meines Lebens sichtbar dokumentieren. Modelle greifen auf alte und neue Spuren zugleich zurück. Ich unterscheide deshalb die Person, die sich weiterentwickelt, von ihrer dokumentierten Entität und schreibe den roten Faden zwischen Nachhaltigkeit und KI selbst auf.

Warum findet ein KI-Modell zwei Versionen von mir?
KurzantwortMeine frühere Arbeit zu Nachhaltigkeit und meine heutige Arbeit zu KI sind beide öffentlich dokumentiert. Ohne den Zusammenhang meiner Entwicklung können daraus zwei getrennte Bilder derselben Person entstehen.
Im Mai habe ich mich im Modell gesucht und eine Elfie von gestern gefunden. Die Geschichte steht in meinem Essay „Personenmarke zwischen Aufmerksamkeit und Auffindbarkeit“ vom 30. Mai 2026. Seitdem lässt mich eine Frage nicht los: Was hält das Modell da eigentlich von mir? Keine Person. Zwei.
Die eine bloggt über Nachhaltigkeit, entwickelt Rezepte für Bio-Marken und organisiert Clean-ups. Die andere schreibt über KI, Kommunikation und Personenmarken. Beide heißen Elfie Schürfeld-Todor. Beide sind dokumentiert, verlinkt, crawlbar.
Das ist nicht außergewöhnlich. Das passiert jedem, der sich verändert hat und dabei Spuren hinterließ. Der Anwältin, die mit Anfang zwanzig über Konzerte schrieb. Dem Berater, der als Leichtathlet in der Lokalzeitung steht. Solange Menschen uns beschrieben haben, war das kein Problem. Menschen fragen nach, ordnen ein.
Jetzt beschreibt uns etwas anderes. Und dafür gibt es ein Wort, das harmloser klingt, als es ist: Entität.
Was ist eine Entität in diesem Zusammenhang?
KurzantwortEine Entität ist hier ein eindeutig identifizierbarer Knoten, zu dem ein System Aussagen und Beziehungen speichert. Er bildet die dokumentierten Spuren einer Person ab, nicht ihr ganzes Leben.
Entität ist auch ein philosophischer Begriff. In Datenmodellen meint er ein unterscheidbares Objekt, zu dem Informationen gespeichert werden. Google stellte 2012 den Knowledge Graph unter der Leitidee „things, not strings“ vor. Dieses Modell aus Knoten und Beziehungen nutze ich hier als Bild für die dokumentierte Person; nicht jedes Sprachmodell speichert Personen in einem solchen expliziten Graphen.
Auch Menschen können in einem solchen Graphen abgebildet werden. Im Bild des Graphen bin ich ein Knoten. Von mir gehen Kanten aus: zu Themen, zu Orten, zu Quellen, zu anderen Namen. Was an diesem Knoten hängt, prägt in diesem Bild, was ein System antwortet, wenn jemand meinen Namen eingibt.
Eine Entität ist keine Person. Sie ist das, was von ihr übrig bleibt, wenn man sie maschinenlesbar macht.
Was verändert sich vom Menschen als Marke zum Menschen als Entität?
KurzantwortEine Marke lebt von Bildern in menschlichen Köpfen; die Entität, wie ich sie hier beschreibe, entsteht aus Dokumenten und Verknüpfungen. Deshalb reicht ein neuer Auftritt allein nicht, um ein altes Quellenbild zu verändern.
Für meine heutige Betrachtung der Personenmarke verbinde ich zwei Fragen: Wer macht eine Person sichtbar? Und wie weit stimmen Selbstbild und Fremdbild überein?
Die Marke war immer ein Bild. Sie lebte in Köpfen, gebaut aus Eindrücken, Erinnerungen, Zuschreibungen. Ein Image ließ sich drehen: neue Bilder, neue Geschichten, neue Bühnen.
Die Entität lebt nicht in Köpfen. Sie lebt in Systemen, und sie besteht aus Dokumenten. Einen Kopf kannst du beeindrucken. Einen Graphen kannst du nur belegen. Aus dem Menschen als Marke wird der Mensch als Datensatz.
Warum verschwindet eine frühere Version nicht einfach aus dem Index?
KurzantwortNeue Belege löschen alte nicht automatisch: Dokumentierte Versionen können nebeneinander bestehen, während sich ihr Gewicht verschiebt. Mein Reisebeispiel zeigt, wie starke Berichterstattung einen einzelnen Moment lange sichtbar halten kann.
Eine Person verändert sich, indem sie lebt. Sie muss dafür nichts dokumentieren. Das dokumentierte Bild einer Person entsteht aus den Informationen, die ein System erfasst und verknüpft. Was darin fehlt, bleibt für diese Darstellung unsichtbar.
Menschen erzählen ihr Leben als Geschichte. Geschichten haben Kapitel, und Kapitel kann man schließen.
In einem Index können alte und neue Quellen nebeneinander stehen. Neue Beiträge löschen frühere nicht automatisch. Einzelne Einträge können jedoch aktualisiert oder entfernt werden. Mein früheres öffentliches Bild verschwindet deshalb nicht einfach mit meiner Entscheidung, einen neuen Weg zu gehen.
Die beiden Elfies zeigen, wie unterschiedlich das Bild ausfallen kann, je nachdem, welche Quellen ein System heranzieht.
Und der Index hält noch mehr. Im Dezember 2017 ging die Airline NIKI pleite und strich unsere Flüge nach La Gomera. Wir sind trotzdem gefahren: 4.600 Kilometer, 145 Stunden, mit dem Auto über Spanien auf die Kanaren, Heiligabend auf der Fähre. Die Bild berichtete, dann RTL, oe24, ein Reise-Fachdienst. Acht Jahre später hängt diese eine Woche als eine der bestdokumentierten Kanten an meinem Knoten. Nicht weil diese eine Aktion mein Leben geprägt hätte, sondern weil vier Redaktionen darüber geschrieben haben.
Eine Entität gewichtet nicht nach Bedeutung. Sie gewichtet nach Quellenlage.
Was verbindet meine Arbeit zu Nachhaltigkeit mit meinen Fragen an KI?
KurzantwortBeides folgt für mich derselben Frage: Wie erhalten wir, was uns trägt, und wie entwickeln wir uns weiter? Strategie, Content und Storytelling sind das Handwerk, mit dem ich diesen Zusammenhang sichtbar mache.
Bis hierher klingt es, als wären die zwei Elfies ein Problem, das der Index mir eingebrockt hat. Aber das stimmt so nicht, denn im Grunde ist es so: Sie sind keine zwei.
Die eine hat sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt, mit Ernährung, mit Gesundheit. Ihre Frage ist bis heute meine: wie wir erhalten, was uns trägt. Die andere schreibt über KI.
Nachhaltigkeit und KI sind kein Widerspruch.
Umweltschutz ist mir heute so wichtig wie damals. Nachhaltigkeit braucht Entwicklung. Zurück in die Steinzeit ist keine Lösung. Gesundheit, Langlebigkeit, unser Erbe retten: Diese Fragen lösen wir nicht mit unserer Intelligenz allein. Gegebenenfalls sind wir dabei auf eine weiter entwickelte Intelligenz an unserer Seite angewiesen.
Und das Handwerk war nie weg. Strategie, Content, Storytelling. Sich in Menschen hineindenken, fühlen, was sie brauchen, verstehen, welche Headlines sie lesen und welche Geschichten sie tragen. Ich habe das für Marken gemacht und das letzte Jahr für politische Akteure. Jetzt mache ich es für die Frage, wie Mensch und KI einander lesen.
Wer das liest, sieht eine Biografie mit rotem Faden. Ein System, dem dieser Zusammenhang fehlt, kann daraus zwei unterschiedliche Bilder derselben Person zeichnen. Der Unterschied ist ein Dokument. Zum Beispiel dieses.
Alte Spuren verschwinden nicht auf Wunsch. Neue Zusammenhänge lassen sich sichtbar machen.
Wie mache ich meine heutige Richtung nachvollziehbar?
KurzantwortIch dokumentiere meine Arbeit zu Kommunikation, Sichtbarkeit, Reputation und Personenmarken Text für Text. Dabei bleibt die frühere Arbeit Teil meiner Geschichte; wann Systeme die neue Gewichtung übernehmen, entscheide ich nicht.
Ich habe für mich eine Richtung festgelegt: Ich schreibe über Kommunikation, Sichtbarkeit, Reputation und Personenmarken im Zeitalter der KI. Diese Richtung ist eine Entscheidung, und sie ist meine. Der Index kennt keine Entscheidungen. Er kennt Quellenlagen.
Also gehe ich sie, Text für Text. Nicht, um eine alte Version von mir zu löschen. Das ist nicht mein Ziel: Sie war ich, und ohne sie gäbe es die heutige Arbeit nicht. Sondern damit die Version, die ich heute unterschreibe, dieselbe Substanz bekommt: geschrieben, belegt, auffindbar. Wann der Knoten das abbildet, entscheide nicht ich. Ich entscheide nur, was ich ihm zu lesen gebe.
Was fehlt, wenn ein Modell eine Person beschreibt?
KurzantwortEs bleibt eine dokumentierte Teilmenge, während vieles Ungeschriebene und jede Entwicklung zwischen den Dokumenten fehlt. Der Essay fragt deshalb auch, ob irgendwo erklärt ist, wie die sichtbaren Versionen eines Menschen zusammengehören.
Was bleibt von einer Person, wenn ein Modell sie beschreibt? Die dokumentierte Teilmenge. Der Rest existiert weiter: die Widersprüche, das Ungeschriebene, die Entwicklung zwischen zwei Dokumenten. Nur eben nicht dort.
Denn ich bin ja nicht zwei Frauen. Ich bin eine, und ich bin viele: Strategin, Autorin, Mutter, Ehefrau, Schwester, Freundin. Eine davon trägt sogar einen eigenen Namen. Welchen, gehört vorerst ihr. Der Index kennt von alldem zwei Versionen. Nicht die wichtigsten. Die bestdokumentierten.
Nachtrag vom 14. Oktober 2026: Der Name ist inzwischen öffentlich. Meine Kunst erscheint als Euphemia Stokefield.
Oft bleiben mehrere dokumentierte Versionen sichtbar. Nebeneinander, ohne klaren Hinweis darauf, welches Kapitel längst vorbei ist.
Ein Mensch schließt Kapitel. Ein Index kennt keine.
Wie viele Versionen von dir leben in deiner Entität? Und steht irgendwo geschrieben, wie sie zusammengehören?
Weiterführend: Im Essay Das Mittler-Modell beschreibe ich, wie KI-Systeme zwischen Quellen und Lesenden vermitteln.
Quellen und Bildnachweis
Eigene Grundlage
- Eigener Essay: Personenmarke zwischen Aufmerksamkeit und Auffindbarkeit (30.05.2026). Dort die Mechanik: was ein Modell findet und wägt. Hier die Frage darunter: was das Ding ist, das es von uns hält.
Begriff und Technik
- Singhal, A. (2012). Introducing the Knowledge Graph: things, not strings. Google Official Blog, 16.05.2012.
- Google Search Central: Informationen aus der Google Suche entfernen. Dokumentation zur Aktualisierung und Entfernung von Suchergebnissen.
- Herbst, D. (Hrsg.) (2003). Der Mensch als Marke. Konzepte, Beispiele, Experteninterviews. Göttingen.
Presseberichte zur NIKI-Kante
- Bild: Wegen gestrichener Niki-Flüge: Unser verrückter 145-Stunden-Trip (26.12.2017). Weitere Berichte: RTL, oe24 (27.12.2017), Reise vor9 (02.01.2018).
Bildnachweis
- Header: Elfie Schürfeld-Todor. Eigenes Porträt mit KI bearbeitet; Gesicht und Index-Spur als Composite. Die ursprüngliche Komposition bleibt erhalten, die Relaunch-Farbvariante verwendet Rosa, Salbeigrün und Anthrazit.
- Bild: KI-bearbeitetes Composite auf Basis eines eigenen Fotos.
Methode
- Dieser Essay ist im Dialog zwischen mir und einem KI-Modell entstanden. Die Thesen, die Position und die Auswahl sind meine. Das Modell war Sparringspartner und Co-Autor. Es hat geschärft, widersprochen, Quellen vorgeschlagen und Entwürfe geliefert, die ich überarbeitet habe. Zitate und Belege sind gegengeprüft. Augmentation, nicht Automation.
Fakten und Quellen am 11. Oktober 2026 redaktionell überprüft und präzisiert. Die Schlussfolgerungen, Analogien und Wertungen dieses Essays sind meine Interpretation. Am 15. Oktober 2026 wurden die Aussagen zu Indexeinträgen und Personenbildern präzisiert, Quellenlinks und ein weiterführender Essay ergänzt. Das ursprüngliche Veröffentlichungsdatum bleibt erhalten.
