Warten auf gepackten Kisten

Während wir uns im Dezember 2019 in Portugal um unser Aufforstungsprojekt kümmern, breitet sich, von der Weltöffentlichkeit unbemerkt, in der chinesischen Stadt Wuhan eine unbekannte Lungenkrankheit aus. Immer häufiger erkranken Menschen an einer sehr schweren Lungenentzündung. Ein junger Arzt äußert den Verdacht, dass die Lungenentzündung auf den SARS-Virus zurückzuführen sei. Währenddessen steigt die Zahl der infizierten und der Toten und die Seuche lässt sich nicht mehr verheimlichen.

SARS-CoV-2

Ende Dezember 2019 informiert China die WHO (Weltgesundheitsorganisation) über die Erkrankungen. In Eiltempo identifizieren Wissenschaftler das Virus als ein bis dahin unbekanntes Virus, das zur Familie der Coronaviren gehört. Es bekommt den Namen SARS-CoV-2. Die Erkrankung, die durch das Virus verursacht wird, wird als COVID-19 bezeichnet. Während bei vielen nur leichte Symptome auftreten, zeigen einige kaum Symptome. Andere bekommen eine schwere Lungenentzündung. In China infizieren sich mehr als 80.000 Menschen mit dem Virus. Tausende sterben.

Zurück in Deutschland verfolgen wir die Berichterstattung und den Anstieg der Zahlen. Die Bilder, die uns aus China erreichen, sind schrecklich und kaum zu ertragen. Täglich beobachten wir auf der Webseite der John Hopkins University die Entwicklung. Die Zahl der Infizierten wächst in China exponentiell. Langsam breitet sich das Virus auch in den benachbarten Ländern aus.

Umzugsvorbereitung mit dem Virus im Nacken

Eigentlich hatten wir vor, im Sommer weiter an unserem Aufforstungsprojekt zu arbeiten und unsere kleine, marode Quinta zu renovieren.

Es ist Anfang Februar. Wir sind damit beschäftigt, unser Hab und Gut zu sortieren und alles für den Umzug nach Portugal vorzubereiten. Eigentlich sind Patrick und ich ein eingespieltes Team und haben gemeinsam schon viele Projekte und Herausforderungen gemeistert. Ein Umzug wäre unter normalen Umständen kein Problem für uns. Anstrengend aber durchaus machbar. Doch diese Situation bringt uns an unsere Grenzen. Während wir unter Hochdruck daran arbeiten, alles rechtzeitig zu schaffen, denn wir vermuten, es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir in Europa eine ähnliche Situation wie in China haben, sind wir damit beschäftigt, den Menschen so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Keiner um uns herum und keiner im Freundeskreis und in der Familie sieht die Gefahr. Das Virus ist unsichtbar und kaum einer ist anscheinend in der Lage, sich vorzustellen, was es bedeutet, dass die Rate der infizierten exponentiell wächst. Hinzukommt, dass ähnlich wie damals in China, das Virus auch hier in Deutschland von der Regierung heruntergespielt wird. Der Gesundheitsminister teilt uns in einer Fernsehansprache mit, dass für Deutschland keine Gefahr besteht und die Grippe, die jährlich tausende von Tote mit sich bringt, viel gefährlicher sei. Das führt dazu, dass die Menschen weitermachen wie bisher. In NRW bereiten sie sich fröhlich auf Karneval vor. Für uns ein Horror. Wir befürchten, dass die Zahlen nach der Karnevalswoche auch in Deutschland steigen werden – und so kommt es dann auch.

Das Schlimme an dem Virus ist, dass Menschen, die keine auffälligen Symptome haben und nicht wissen, dass sie Träger des Virus sind, bereits ansteckend sein können. Wir beobachten, wie Menschen rücksichtslos auf die Straße rotzen, husten und Null Abstand halten. Unterdessen schleppen wir nachts zu zweit unsere Umzugskisten in den Transporter und fahren sie ins Lager. Wir versuchen uns mit Handschuhen, durch Abstandhalten und Händewaschen zu schützen. Wenn sich der direkte Kontakt zu anderen Menschen nicht vermeiden lässt, tragen wir einen Mundschutz (FFP 2 Maske). Wir halten zu diesem Zeitpunkt einen Mundschutz für essenziell, einerseits natürlich, um sich selbst zu schützen andererseits auch, um andere zu schützen und finden es unverständlich, dass kommuniziert wird, dass ein Mundschutz nicht helfen soll. Wenn man als Staat versäumt hat, ausreichend Schutzkleidung vorzuhalten, dann ist man natürlich gezwungen zu erzählen, Atemschutzmasken würden nichts bringen.

Für uns steht fest, dass wir es auf jeden Fall vermeiden möchten uns, mit einem Virus, das bisher noch total unbekannt ist, zu infizieren. Es gibt weder Medikamente noch einen Impfstoff.

Die Zahlen in Deutschland steigen. Patrick und ich sehen die Katastrophe auf uns zurollen. Noch immer finden die Menschen, wir übertreiben. Wir sind körperlich aber auch emotional ausgelaugt. Wir spüren, es ist ein Rennen gegen die Zeit und wir fühlen uns verdammt allein. Keiner versteht uns und keiner sieht, was da auf uns zukommt.

SARS-CoV-2 erreicht Europa

Ende Februar erreichen uns dann die Nachrichten aus Italien. Zwei Tote, 20 Infizierte, 250 Menschen in Quarantäne. In zehn Städten in Norditalien wird die Ausgangssperre verhängt. Während sich in Italien das Virus wie eine Lawine ausbreitet, glaubt man in Deutschland immer noch, die Situation sei unter Kontrolle. Dann geht alles ganz schnell. Plötzlich wächst die Zahl der Infizierten in Frankreich und auch in Spanien. Österreich schließt seine Grenzen zu Italien. Ganz Italien wird zur „Roten Zone“ erklärt. In Italien droht das Gesundheitssystem vielerorts zu kollabieren. Die italienische Regierung verhängt im ganzen Land eine Ausgangssperre. Frankreich und Spanien ziehen nach. Überall fehlt es an Schutzkleidung, Betten und Beatmungsmaschinen.

In dieser Situation kann auch Deutschland nicht mehr alles klein reden. Der Gesundheitsminister muss nun zugeben, dass wir uns doch auf eine bevorstehende Pandemie vorbereiten müssen. Er weist die Bevölkerung nun darauf hin, Abstand zu halten, in die Armbeuge zu husten oder zu niesen und ordentlich die Hände zu waschen. Plötzlich werden Schaubilder und Erklärfilme verbreitet, die den Menschen zeigen, wie man sich richtig die Hände wäscht. Menschen, die sich krank fühlen, sollen zu Haus bleiben und ihren Hausarzt anrufen. Auf einmal ist das Virus doch nicht so ungefährlich. Doch nachdem man zuvor wochenlang damit beschäftigt war, den Menschen zu erklären, dass die Grippe gefährlicher sei und die Bevölkerung in Deutschland nichts befürchten muss, ist es nun schwer, eben diese auf eine andere Situation vorzubereiten. Noch immer glauben die meisten, es würde sich bei dem Virus um eine harmlose Erkältung handeln.

Langsam werden wir panisch, vor allem weil wir mitbekommen, dass es den Menschen um uns herum immer noch am Arsch vorbeigeht. Während wir mit Mundschutz, Brille und Handschuhen ausgestattet den Media Markt betreten, weil wir unseren LTE Router abholen müssen, werden wir vom Verkaufspersonal ausgelacht. Die Menschen, die sich in dem Markt aufhalten, halten weder einen Sicherheitsabstand, noch husten sie in die Armbeuge. Sie betatschen alle ausgestellten Smartphones, kratzen sich im Gesicht und sind völlig unbekümmert. Es ist erschreckend zuzusehen, wie verantwortungslos sich die Menschen verhalten. Hygieneregeln gibt es in diesem Geschäft keine!

Für uns wird es immer deutlicher, viele sind nicht in der Lage, die Fakten zu erfassen und die Folgen abzuleiten. Sie verhalten sich wie kleine Kinder, die erst auf die heiße Herdplatte fassen müssen, um zu lernen, dass die Platte heiß ist und sie sich verbrennen. Doch mit ihrem Verhalten gefährden sie leider nicht nur sich selbst, sondern besonders Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen.

Lockdown und geschlossene Grenzen

Am Samstag, den 14. März wird uns klar, dass wir das Rennen gegen die Zeit verloren haben. Ich bin verzweifelt und kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Nun sitzen wir hier fest. Auf gepackten Kisten, in einer gekündigten Wohnung, die wir spätestens zum 31. Mai 2020 verlassen müssen. Wie uns der Vermieter vorsorglich bereits schriftlich mitgeteilt hatte, können wir die Kündigung nicht mehr zurückziehen. Eigentlich wollen wir das auch nicht, nur ist momentan kein Durchkommen. Spanien droht das nächste Italien zu werden und wir müssen sowohl durch Frankreich als auch durch Spanien, um nach Portugal zu gelangen. Die Situation in den Ländern können wir schlecht einschätzen. Die Grenzen sind zum Teil geschlossen und es herrscht Ausgangssperre. Keiner weiß wie lange. Auf gepackten Kisten sitzen wir nun da und warten, versuchen ein wenig zu arbeiten und so gut es geht den Umzug weiter vorzubereiten. In Folge des Lockdowns und der Pandemie werden Aufträge storniert. Die Corona-Pandemie treibt viele Selbstständige und Kleinunternehmer an den Rand ihrer Existenz. Auch wir spüren das deutlich. Aufträge und Jobs, mit denen wir gerechnet hatten, kommen nicht zustande. Das bedeutet für uns, dass wir an unsere Reserven müssen. An die Reserven, die eigentlich für den Start in Portugal gedacht waren.

Leben Mitten im Umzug und im Corona-Lockdown

Täglich ist das erste was wir tun, der Blick auf die Statistik und auf die Nachrichten.

Die meisten Sachen sind bereits im Lager oder stehen verpackt bereit. Unseren Esstisch haben wir zum Schreib-/Esstisch umfunktioniert. Aus Kisten hatten wir vor langer Zeit Sitzhocker gefertigt. Diese sind nun mit Vorräten gefüllt.

Unsere Kaffeeecke ist weiterhin aktiv. Die Vorfreude auf ein leckeres Glas Kaffee vertreibt für einen kleinen Augenblick die Angst und die Panik.

Nach dem morgendlichen Kaffee bin ich für eine kurze Zeit glücklich. Ich sitze auf einer der gepackten Kisten und hoffe auf ein Wunder. Ich hoffe, dass die Maßnahmen helfen, ich hoffe, dass ein Medikament gefunden wird und ich hoffe, dass schneller als gedacht, ein Impfstoff entwickelt und zugelassen wird.

Seit dem 14. März 2020 haben wir die Wohnung nicht mehr verlassen. Wir wollen es vermeiden, uns irgendwo anzustecken. Je mehr sich infizieren, desto höher wird die Viruslast werden. Das Virus ist winzig, es kann überall sein. Auf dem Türknauf, am Geländer, auf der Lebensmittelverpackung, auf dem Obst oder Gemüse – einfach überall. Daher versuchen wir mit den Vorräten, die wir haben, so lange wie möglich auszukommen. Wir sind dankbar, dass der Bioladen in unserer Straße einen Fahrrad-Lieferservice anbietet. So können wir den Kontakt mit anderen Menschen auf ein Minimum reduzieren. Patrick hat aus der alten Bettkonstruktion einen Tisch gebaut, auf dem der Bote die Lieferung abstellen kann. Mit ein wenig Trinkgeld versuchen wir den Boten unsere Dankbarkeit zu zeigen.

Inzwischen haben wir Ende März. Wir beobachten die Lage weiterhin mit Sorge. Auch wenn zur Risikogruppe für SARS-CoV-2, laut Politik und Wissenschaft, vor allem ältere Menschen, chronisch Kranke oder Menschen mit geschwächtem Immunsystem zählen, werden immer mehr Fälle bekannt, bei denen die Erkrankung auch bei Kindern, Jugendlichen, Mittdreißigern und -vierzigern schwer und manchmal sogar tödlich verläuft.

Während in Ländern wie Italien und Frankreich die Ärzte*innen Triage-Entscheidungen treffen müssen, diskutieren die Politiker*innen in Deutschland schon darüber, dass der „Lockdown“ in Deutschland nicht mehr lange aufrechterhalten werden kann. Viel zu groß ist der finanzielle Schaden. Die Frage ist jedoch, was wäre passiert, wenn in Folge der Pandemie unser Gesundheitssystem kollabiert wäre? Hätten wir keine wirtschaftlichen Probleme? Ich kann verstehen, dass viele wegen finanzieller Einbußen wirklich verzweifelt sind. Auch uns ergeht es ja nicht anders. Ich muss aber ehrlich sagen, für mich/uns ist es das Wichtigste, gesund und am Leben zu bleiben. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, kann man immer wieder von vorne anfangen.

Ende April/Anfang Mai werden wir erneut panisch. Denn langsam müssen wir uns darauf vorbereiten, dass wir am Monatsende unsere Mietwohnung übergeben müssen. Das bedeutet, wir müssen die restlichen Sachen einlagern, den Sperrmüll abholen lassen und die Kartons und Kisten, die wir mitnehmen wollen in den Unimog einladen.

Diesen können wir, aufgrund der Umweltzone, nicht einfach vor der Haustür parken. Auch das erschwert die Situation zusätzlich. Wir müssen mehrere Nächte mit unserem PKW hin und her fahren, bis alles eingeladen ist. Da wir vermeiden möchten, auf andere Menschen zu treffen, fangen wir nachts um zwei an, das Auto vollzuladen und fahren dann gegen vier Uhr morgens los. Allerspätestens um sechs Uhr sind wir wieder in der Wohnung – dann geht auch das Leben draußen los und die ersten Menschen kriechen wieder aus ihren Löchern.

Wir sind extrem müde und ausgelaugt. Unser Tag-Nacht-Rhythmus ist verschoben, wir stehen unter Stress. Da ist die Angst vor dem Virus und da ist die Ungewissheit. Wo sollen wir hin? Wo und wie sollen wir die Zeit, bis wir los können, überbrücken?

Die Corona-Pandemie bringt aber auch etwas Gutes mit sich. In dieser Krise wird deutlich, dass es auch Menschen gibt, die in der Not helfen.

Fotocredit: Patrick Schürfeld (ps-ixel.com)

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