vegan leben
Varia

Vegan leben – weil es vernünftig ist

Ich bin vier Jahre alt. Ich sehe zu, wie sich das kleine, rosa Ferkel, welches zuvor mit uns Kindern auf dem Hof herumgehüpft ist, versucht, sich aus den Fängen meines Vaters zu befreien. Es gibt laute Hilfeschreie von sich, zappelt und windet sich. Ich kann diese Todesangst, die es verspürt selbst fühlen. Einen kurzen Moment lang bin ich wie eingefroren. Ich gebe keinen Ton von mir, ich stehe einfach nur so da, mit aufgerissenen Augen schaue ich fassungslos meinen Vater an, die Tränen fließen über meine Wangen. Schließlich kann ich meine Verzweiflung nicht mehr zurückhalten, ich weine, brülle, werde hysterisch und flehe meinen Vater an, es los zu lassen.

Meine Kindheit über werde ich mit Fleisch vollgestopft – zum Teil gegen meinen Willen wird mir Fleisch in das Essen untergemischt. Als kleines Kind kann ich mich nicht so sehr dagegen wären. Je älter ich werde, desto besser kann ich mich verteidigen. Anfangs spucke ich einfach die Fleischstücke, die mir von meiner Mutter untergejubelt werden, zurück auf den Teller. Es folgen Diskussionen und Auseinandersetzungen, bis ich dann mit 14 Jahren beschließe, Vegetarierin zu werden. Immer wieder muss ich mich erklären. Manchmal beuge ich mich meinem Elternhaus und dem gesellschaftlichen Druck. Heute allerdings nicht mehr.

Im Laufe der Zeit haben wir gemeinsam mit meinem Mann und meiner Tochter entschieden, dass es nicht ausreicht, nur vegetarisch zu leben. Um Tierleid zu vermeiden und die negativen Folgen von Massentierhaltung auf unsere Umwelt nicht zu fördern, haben wir beschlossen, tierische Produkte von unserem Speiseplan zu streichen.

Fleisch als Symbol für Macht, Stärke, Wohlstand und Glück

Sehr viele Menschen lehnen es immer noch kategorisch ab, den Fleischkonsum zu hinterfragen. Doch warum wollen sich diese Menschen das Fleisch nicht nehmen lassen? Tatsächlich einzig und allein, weil es ihnen schmeckt? Oder ist es doch mehr als das?

Früher war es angeblich lebensnotwendig, Tiere zu erlegen, um sich und seine Sippe am Leben zu erhalten. Später demonstrierten Adlige und Wohlhabende durch große Fressorgien mit Spanferkel und Co. ihren Reichtum und ihre Macht und grenzten sich u. a. auch durch die Speisen von ihren Untertanen ab. In der Zeit des Wirtschaftswunders war der Festtags- und Sonntagsbraten ein Symbol für Harmonie, Glück und familiären Zusammenhalt. Doch längst symbolisiert Fleisch in unserer Industriegesellschaft nicht mehr Reichtum und Macht, denn Fleisch ist heute in Massen jederzeit für jedermann verfügbar und wird einem billig hinterher geschmissen. Der Mythos des Fleisches ist in den Köpfen der Menschen jedoch noch tief verwurzelt. In Wahrheit ist Fleisch als Statussymbol aber bereits ein Auslaufmodell.

In einer Welt, in der wir auf Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und körperliche Unversehrtheit Wert legen, kann es nicht sein, dass wir tolerieren, dass jährlich Millionen Tiere unter grausamen Bedingungen gehalten, gequält und schließlich geschlachtet werden.

Milchkühe werden behandelt wie leblose Milchzapfsäulen. Damit sie für die Tierindustrie rentabel sind, werden sie nach jeder Schwangerschaft wieder befruchtet. Bereits kurz nach der Geburt werden Mutterkuh und Kalb voneinander getrennt. Die Kälber werden in so genannte Kälberboxen gesperrt (dieses Vorgehen haben wir auch auf einem Biohof beobachten können). Die Tiere stehen unter Stress, leiden furchtbar unter der Trennung und trauern um den Verlust ihrer Kälber. Wer auf dem Land wohnt, kann die ohrenbetäubenden Schreie der Tiere nicht überhören. In der Stadt bleiben einem solche Szenen erspart, da mag es noch einfach sein, alles auszublenden und munter weiter vor sich hin zu konsumieren. Damit Milch in Überfluss für uns da ist, werden die Milchkühe mit Kraftfutter versorgt. Das ständige Melken führt zu Mastitis, das heißt zu entzündeten Eutern. Neben Wachstumshormonen und Antibiotika kann die Milch daher auch Reste von Eiter und Blut enthalten. Wenn die Milchkuh nach unzähligen Schwangerschaften, Trennungsschmerzen und Krankheiten ausgedient hat und nicht mehr rentabel ist, geht es mit ihr ab zum Schlachthof. Kühe können unter normalen Bedingungen 20 Jahre alt werden. Milchkühe werden ca. fünf Jahre alt. Die Kälber werden bereits nach wenigen Monaten getötet. Ein ähnliches Schicksal haben auch Ziegen, Schafe und Büffel vor sich. Aber auch Hühnern und Schweinen ergeht es nicht besser. Der Großteil der männlichen Küken werden immer noch geschreddert oder vergast. Die Hühner leiden unter Eileiterentzündung, Wurmbefall oder haben verkrüppelte Füße. Diejenigen unter ihnen, die nicht mehr genug Eier legen, enden als Suppenhuhn oder sind nur noch Abfall.

Es ist Zeit, sich die Frage zu stellen, ob wir es nötig haben, uns in einer zivilisierten Gesellschaft weiterhin wie Barbaren zu verhalten.

Vegan leben – warum?

Neben ethischen Gründen sprechen auch ökologische und gesundheitliche Gründe dafür, den Konsum von tierischen Produkten einzustellen.

Vegan leben – aus ethischen Gründen

Wir Menschen besitzen die Fähigkeit, ethisch und moralisch zu handeln. Wir können uns bewusst dafür entscheiden, dass Leid der Tiere zu beenden, in dem wir anfangen vegan zu leben und keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren.

Vegan leben – aus gesundheitlichen Gründen

Wir sind in der Lage, uns durch eine abwechslungsreiche Ernährung bestehend aus Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen ausgewogen zu ernähren und unseren Körper mit allen benötigten Vitaminen und Nährstoffen zu versorgen. Ausschließlich B12 müssen wir supplementieren. Der B12 Bedarf kann auch über Fleischkonsum gedeckt werden. Hierzu sollte man aber wissen, dass das keineswegs eine „natürliche“ Form von B12 Aufnahme ist, da auch in der Massentierhaltung B12 supplementiert werden muss. B12 Mangel sollte möglichst vermieden werden. Zu diesem Mangel kann es auch bei Fleischessern kommen. Es ist also ohnehin keine schlechte Idee, B12 als Nahrungsergänzung zu sich zu nehmen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation ist rotes Fleisch nachweislich krebserregend. Viele Studien zeigen, dass Vegetarier und Veganer seltener an Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs erkranken und auch weniger anfällig für Infektionen, Schlaganfall oder Alzheimer sind.

Vegan leben – aus ökologischen Gründen

Durch ein veganes Leben verhindern wir nicht nur Tierleid, wir tragen zum Klima- und Umweltschutz bei, denn die Massentierhaltung unterstützt die Klimaerwärmung, den Artenrückgang und führt zur Verunreinigung unserer Böden und unseres Grundwassers durch Gülle, Pflanzenschutzmittel und Medikamente. Die Monokulturen und die vielen Weideflächen laugen unsere Böden aus.

Ein sehr großer Teil der klimaschädlichen Treibhausgase werden durch die Massentierhaltung verursacht, u. a. werden Treibhausgase wie CO2, Methan (25-mal klimaschädlicher als CO2) und Lachgas (300-mal klimaschädlicher als CO2) freigesetzt. (1) Laut PETA könnten wir durch eine vegane Ernährung den Ausstoß von Methan und Lachgas um 80 % verringern. (2)

Massenweise wird Gülle, ein Gemisch aus Kot und Urin, auf die Felder gekippt. In der Gülle steckt Stickstoff (*Stickstoffkreislauf siehe unten). Dieser dient der Pflanze als Nährstoff. Es wird zu viel Gülle auf die Felder gebracht, die Böden sind nicht in der Lage, alles aufzunehmen. Nitrat belastet unser Grundwasser, unsere Flüsse, Seen und Meere. Ammonium sorgt dafür, dass unsere Gewässer umkippen. Der Sauerstoffgehalt der Gewässer verringert sich, so dass Organismen, die auf Sauerstoff angewiesen sind, ersticken.

Wälder werden für Weideflächen und zum Anbau von Futterpflanzen gerodet. Durch die Abholzung werden nicht nur wichtige Waldflächen (CO2-Senken) sondern auch Lebensräume vieler Tiere vernichtet.

Das Halten von so genannten „Nutztieren“ bringt eine enorme Ressourcenverschwendung mit sich, denn 83 % der landwirtschaftlichen Flächen werden als Weideland und für den Anbau von Futterpflanzen genutzt. Zusätzlich muss Strom für die Fleischerzeugung bereitgestellt werden. Für die Produktion von einem Kilogramm Rindfleisch werden bis zu 15.500 Liter Wasser benötigt (Trinkwasser für das Tier, Bewässerung des Futtermittels). Mit dieser Menge könnte man ein Jahr lang duschen. Dazu kommt noch Wasser, das für die Reinigung der Ställe und für die Weiterverarbeitung verbraucht wird. (2)

Vegan leben ist nicht extrem, vegan leben ist vernünftig

Vegan leben bedeutet, sich entschlossen gegen Tierleid zu stellen und sich dafür einzusetzen, dass Tiere nicht als Produkt und Wirtschaftsgut angesehen werden, sondern die Möglichkeit bekommen, in Frieden, ihren Bedürfnissen entsprechend, leben zu können.

Foto: Patrick Schürfeld / ps-ixel.com

*Anmerkung zum Stickstoffkreislauf: Nur wenige Pflanzen können den atmosphärischen Stickstoff (N2) durch Symbiose mit speziellen Knöllchenbakterien nutzen. Alle anderen Pflanzen sind auf Stickstoffverbindungen wie Ammonium (NH4+) oder Nitrat (NO3) angewiesen. Pilze und Bakterien, so genannte Destruenten, setzen bei der Ammonifikation Stickstoff als Ammoniak (NH3) bzw. Ammonium-Ionen (NH4+) frei. Aus Ammonium entsteht mit Hilfe von nitrifizierenden Bakterien Nitirit (NO₂⁻). Nitrit wird durch nitrifizierende Bakterien in Nitrat (NO₃⁻) umgewandelt. Nitrat kann durch denitrifizierende Bakterien oxidiert werden. Stickstoff (N2) wird in die Atmosphäre abgegeben. Pflanzen können Stickstoff nun in Form von Nitrat assimilieren. (3)

Quellen:
(1) Umwelt Bundesamt: Ammoniak; Umwelt Bundesamt: Lachgas und Methan
(2) PETA
(3) Wikipedia: Stickstoffkreislauf

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